Cornelia Kind, Geschäftsführerin bei GKK Ingenieurgesellschaft für Hochbau mbH, im Interview über die Zukunftsperspektive modularer und serieller Bauweisen sowie Sanierungsprojekte
Wie gelingt es Ihrer Ansicht nach, serielle Bauweisen mit anspruchsvoller, moderner Architektur zu verbinden? Sehen Sie hier Konflikte oder Synergien?
Cornelia Kind: Klassische, sehr freie Entwürfe lassen sich nicht ohne Weiteres mit seriellen Bauweisen verbinden.
Ich bin aber überzeugt, dass diese eine sehr gute Grundlage für Architektur sein können.
Entscheidend ist die Herangehensweise. In der Praxis sehe ich oft, dass ein Entwurf entwickelt und anschließend versucht wird, ihn in ein System zu überführen. Das funktioniert meist nur bedingt.
Ich halte es für sinnvoller, von Anfang an mit der gewählten Bauweise zu planen und daraus Architektur zu entwickeln. Wenn das gelingt, entsteht eine stimmige Lösung. Dann wird die serielle Struktur auch Teil des gestalterischen Konzepts und nicht etwas, das nachträglich angepasst werden muss.
Besteht aus Ihrer Sicht die Gefahr, dass die Effizienz serieller Bauweisen – schnell viele Wohnungen zu schaffen – durch zu viel Gestaltungsspielraum beeinträchtigt wird? Wie lässt sich ein ausgewogenes Verhältnis finden?
Cornelia Kind: Ja, diese Gefahr besteht.
Serielle Bauweisen bringen Einschränkungen im Gestaltungsspielraum mit sich, und die muss man akzeptieren.
Die Effizienz entsteht nicht automatisch durch die Serie, sondern durch die Planung. Wenn ich von Anfang an bewusst mit der Bauweise arbeite und die Details wirklich durchdenke, kann das sehr gut funktionieren. Problematisch wird es, wenn die Planung im Rohbau stehen bleibt und der Ausbau nicht konsequent weitergeführt wird. Dann entstehen Verzögerungen, Mängel und zusätzliche Kosten.
Ein ausgewogenes Verhältnis finde ich dann, wenn klar definiert ist, wo Standardisierung notwendig ist und wo Gestaltungsspielraum sinnvoll genutzt werden kann. Diese Definitionen müssen dann auch konsequent umgesetzt werden.
„Serielle Bauweisen bringen Einschränkungen im Gestaltungsspielraum mit sich, und die muss man akzeptieren.“
Welches Potenzial sehen Sie in der Kooperation zwischen Ingenieurgesellschaften und Architekten bei der Weiterentwicklung des seriellen Bauens? Welche Innovationen könnten hier entstehen?
Cornelia Kind: Für mich geht es nicht nur um Architekten und Ingenieure, sondern um das gesamte Projektteam. Dazu gehören auch Bauunternehmen, Fachplaner und die Industrie.
Alle bringen unterschiedliche Blickwinkel mit und genau darin liegt die Herausforderung. Der eine denkt in Flächen, der andere in Ausführung, der nächste in Wirtschaftlichkeit. Wenn diese Perspektiven nicht zusammenkommen, funktioniert das Projekt nicht.
Das Potenzial liegt deshalb vor allem in der Zusammenarbeit. Wenn alle frühzeitig eingebunden sind und gemeinsam Lösungen entwickeln, entsteht ein deutlich besseres Ergebnis als in einer klassischen, schrittweisen Planung.
„Für mich geht es nicht nur um Architekten und Ingenieure, sondern um das gesamte Projektteam. Dazu gehören auch Bauunternehmen, Fachplaner und die Industrie.“
In welchen Bereichen des seriellen Bauens ist mehr Standardisierung notwendig, und wo benötigt man flexible Anpassungsmöglichkeiten? Können bestimmte Module individuell ausgestaltet werden, ohne den seriellen Prozess zu behindern?
Cornelia Kind: Serielles Bauen ergibt für mich vor allem dort Sinn, wo ich einen hohen Wiederholungsfaktor habe. Das betrifft in erster Linie die Grundstruktur eines Gebäudes, also den Rohbau.
Gleichzeitig brauche ich Flexibilität bei Grundrissen, Gebäudegrößen und vor allem bei der Fassade. Darüber entsteht die Individualität eines Gebäudes.
Module lassen sich durchaus individuell gestalten. Ich kann unterschiedliche Varianten entwickeln und diese dann seriell umsetzen. Wichtig ist, dass ich mich innerhalb eines klar definierten Systems bewege.
Anpassungen sind möglich, aber sie müssen so gestaltet sein, dass sie sich weiterhin wiederholen lassen. Sonst verliere ich die Vorteile der seriellen Bauweise.

„Anpassungen sind möglich, aber sie müssen so gestaltet sein, dass sie sich weiterhin wiederholen lassen. Sonst verliere ich die Vorteile der seriellen Bauweise.“
Glauben Sie, dass serielle Bauweisen konkret dazu beitragen können, die Baukrise in Deutschland zu entschärfen? Welche Maßnahmen sind zusätzlich erforderlich?
Cornelia Kind: Ich glaube, dass serielle Bauweisen nur einen kleinen Beitrag leisten können. Wir sind in vielen Bereichen noch in einer Phase des Ausprobierens und haben noch keine echten Routinen entwickelt.
Die eigentlichen Probleme liegen woanders: bei regulatorischen Anforderungen, bei der Finanzierung, bei den Baukosten. Auch Nachhaltigkeitsanforderungen spielen eine große Rolle.
Serielles Bauen kann Prozesse effizienter machen, aber es ist nur ein Baustein unter vielen und wird die Baukrise nicht allein lösen.
Wie finden Sie die richtigen Partner für die Umsetzung Ihrer Projekte? Welche Rolle spielen Bauteams für den Erfolg serieller Bauweisen?
Cornelia Kind: Viele Entscheidungen werden sehr früh im Projekt getroffen, teilweise noch bevor wir überhaupt einsteigen. Dazu gehört auch die Wahl der Bauweise und der Partner.
Entscheidend ist für mich aber die Zusammenarbeit im Bauteam. Serielles Bauen funktioniert nur, wenn alle Beteiligten gemeinsam an einem Ziel arbeiten und bereit sind, ihre Perspektiven einzubringen.
In der Praxis sehe ich oft, dass genau das nicht konsequent passiert. Probleme werden zu spät angesprochen, und dann holen diese einen auf der Baustelle wieder ein.

Der Bau-Turbo bietet neue Chancen zur Beschleunigung von Bauprojekten. Haben Sie bereits Erfahrungen damit gesammelt? Welche Verbesserungen wünschen Sie sich bei der praktischen Umsetzung dieses Gesetzes?
Cornelia Kind: Eigene Erfahrungen haben wir bisher nicht. Grundsätzlich sehe ich aber, dass solche Maßnahmen in der Praxis oft lange brauchen, bis sie wirken.
Das Problem liegt aus meiner Sicht weniger im Gesetz selbst, sondern in der Umsetzung.
Es fehlt an Kapazitäten in den Verwaltungen und Entscheidungen werden oft hinausgezögert. Projekte werden zwischen verschiedenen Verwaltungsstellen weitergereicht und zusätzliche Anforderungen bremsen den Prozess. Solange sich daran nichts ändert, wird auch ein solches Gesetz nur begrenzt Wirkung entfalten.
„Das Problem liegt aus meiner Sicht weniger im Gesetz selbst, sondern in der Umsetzung.“
Denkmalgeschützte Immobilien erfordern besondere Aufmerksamkeit. Kann in solchen Fällen serielles Sanieren eine praktikable Lösung sein? Welche Besonderheiten müssen beachtet werden, und wo sehen Sie Grenzen?
Cornelia Kind: Das hängt stark vom Einzelfall ab. Wenn sich der Denkmalschutz auf einzelne Teile beschränkt, etwa auf ein Gebäude innerhalb eines größeren Quartiers, kann man durchaus darüber nachdenken, serielle Ansätze einzusetzen. Dann entsteht im Inneren oder im Hintergrund mehr Spielraum, um mit wiederholbaren Strukturen zu arbeiten.
Anders sieht es aus, wenn es sich um ein stark geschütztes Einzeldenkmal handelt, bei dem auch die innere Struktur erhalten werden muss. In solchen Fällen stoßen serielle Bauweisen schnell an ihre Grenzen, weil ihnen die notwendige Wiederholbarkeit fehlt.
Schwierig wird es für mich auch, wenn zum Beispiel versucht wird, eine historische Hülle mit einer komplett neuen, seriellen Struktur zu kombinieren. Natürlich kann man theoretisch darüber nachdenken, den Bestand weitgehend zu entkernen und neue Elemente einzusetzen. Aber genau an diesem Punkt wird es aus architektonischer Sicht kritisch.
Da stellt sich für mich die Frage, ob man dem Gebäude damit noch gerecht wird. Gerade bei solchen Eingriffen blutet mir ehrlich gesagt das Architekturherz, weil die Identität und die Besonderheit des Bestands schnell verloren gehen können. In solchen Fällen sehe ich individuelle Lösungen klar im Vorteil.
Welche besonderen Herausforderungen ergeben sich beim Einsatz serieller Bauweisen im Hochbau, insbesondere bei größeren Projekten?
Cornelia Kind: Für mich ist nicht die Größe eines Projekts entscheidend, sondern der Wiederholungsfaktor. Je mehr sich Bauteile und Abläufe wiederholen, desto besser funktioniert die serielle Bauweise. Größere Projekte bringen diesen Wiederholungsfaktor häufig automatisch mit, weil sich Systeme dort öfter anwenden lassen.
Der Schlüssel liegt in einer durchgängigen Planung, die von Anfang an auf die serielle Logik abgestimmt ist.
Vielen Dank für das Gespräch!