Eine Person hält das Buch "Aufstocken Verdichten Umnutzen" in den Händen und lächelt in die Kamera.
Quelle: Bettina Siegmund

Unternehmen & Märkte 2026-03-16T13:09:30.891Z Gerade veröffentlicht: Fachbuch „Aufstocken, Verdichten, Umnutzen - Potenziale urbaner Räume aktivieren“

Das Projekt entstand zusammen mit Margrit Goral und Petra Müller bei RM Rudolf Müller | Architektur​ – ausgehend von der Frage: Wie können wir unsere Städte weiterentwickeln, ohne neu zu bauen?

Ein Interview mit Autorin Bettina Siegmund.

Was sind aus Ihrer Sicht die drei wichtigsten Ansätze, um urbane Potenziale besser nutzbar zu machen?

Wir sollten den urbanen Bestand noch stärker als zentrale Ressource der Stadtentwicklung begreifen. In vielen Städten liegen enorme Potenziale brach, die jedoch erst sichtbar werden, wenn man sich die Mühe macht, die vorhandene Stadt wirklich zu „lesen“. Die entscheidenden Ansätze liegen aus meiner Sicht in der doppelten Innenentwicklung, Adaptive Reuse und der Multicodierung von Räumen. Welche konkreten baulichen Maßnahmen daraus entstehen, ob Aufstockung, Umnutzung, Nachverdichtung oder neue Freiräume, ist dabei zweitrangig. Entscheidend ist ein ausgewogenes Verhältnis von Dichte, Freiraum, Flexibilität, sozialer Interaktion und grüner Stadtreparatur im Bestand.

Welche innovative Idee aus dem Buch würden Sie gerne in möglichst vielen Städten umgesetzt sehen?

Was mich an vielen der im Buch vorgestellten Projekte beeindruckt hat, ist der Mut zum Experiment und der Wille, neue Wege auch gegen Widerstände weiterzuverfolgen. Dafür brauchen wir mehr Spielräume für experimentelles und zirkuläres Bauen, für Reallabore oder temporäre Zwischenlösungen. So lassen sich neue Ansätze erproben und flexibel auf urbane Herausforderungen reagieren. Großes Potenzial sehe ich in der Multicodierung von Räumen. Viele urbane Flächen sind nur für eine einzige Funktion vorgesehen – etwa Parken, Handel oder Verkehr – und werden nur wenige Stunden am Tag intensiv genutzt. Werden solche Orte bewusst mehrfach programmiert, lässt sich die vorhandene Stadt wesentlich effizienter nutzen. Gleichzeitig entstehen lebendigere und sozial vielfältigere Stadträume.

Wenn Sie unbegrenzt Ressourcen hätten, welches Projekt würden Sie in Angriff nehmen, um eine nachhaltige Transformation von Städten voranzutreiben?

Für mich steht die soziale Ebene von Städten im Vordergrund. Soziale Resilienz entsteht dort, wo unterschiedliche Nutzungen, Lebensmodelle und soziale Gruppen im Alltag aufeinandertreffen können. Viele innerstädtische Bestandsquartiere weisen jedoch genau hier deutliche Defizite auf und müssen nachgerüstet werden mit Qualitäten, die in neuen Stadtquartieren selbstverständlich mitgeplant werden. Dazu zählen gemeinschaftliche Räume, barrierefreie Zugänge, Treffpunkte und Nachbarschaftszentren ebenso wie Urban Gardening, Reparaturwerkstätten, multifunktionale Erdgeschosszonen, sichere Spiel- und Bewegungsflächen oder Sharing-Angebote für Mobilität, Co-Working und Care etc. Mein Fokus läge daher auf der gezielten Stärkung der sozialen Infrastruktur und der Schaffung konsumfreier Dritter Orte in verdichteten Innenstadtquartieren, da genau diese Angebote entscheidend zur Alltagstauglichkeit, Teilhabe und sozialen Stabilität beitragen.

Vielen Dank für das Gespräch!

zuletzt editiert am 16. März 2026